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Die Jagd nach dem virtuellen Lob
 

Immer mehr Deutsche süchtig nach Chat im Internet 

Immer mehr Deutsche süchtig nach Chat im Internet

München (ddp) Komplimente, Küsse, Koseworte regnen auf sie nieder. 40- bis 60-mal am Tag wirft sie einen erwartungsvollen Blick in ihre Mailbox. "Es ist, als hättest du ein zweites Ich", versucht die "Ehemalige" ihre Internetsucht auf den Punkt zu bringen.

"Deine Phantasie erwacht, deine Träume werden lebendig, und du findest in deinem Gegenüber das Wunschbild deines Lebens." Die anonyme Bekennerin ist nur eine von vielen Web-Junkies, die auf der Internetseite des Vereins Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige (HSO e.V.) ihre Probleme offenbaren. Von zerstörten Familien, vernachlässigten Kindern, von totaler Isolation und verzweifelten Versuchen, die Sucht zu besiegen, ist hier zu lesen. Dabei scheinen es vor allem Online-Flirts per E-Mail zu sein, die die Betroffenen stundenlang vor dem Bildschirm fesseln. Ähnlich war es auch bei der damals 40-jährigen Gabriele Farke, die als Trainerin für Internet-Einsteiger arbeitet und zwei Bücher über ihre Abenteuer im Netz verfasst hat.

"Das Internet baut enorme Hemmschwellen ab", beschreibt sie das Phänomen. "In Nullkommanichts hat Ihr Gegenüber Sie 'virtuell im Arm' und beginnt Sie zu streicheln". Nach ihren Erfahrungen suchten die Männer eher den erotischen Kick, während für Frauen die Faszination davon ausgehe, dass sie sich über die intimsten Dinge austauschen könnten und immer jemanden zum reden und flirten hätten.

"Ich habe über der Chatterei das Essen und Trinken vergessen, habe einige Kilos abgenommen, Kreislaufprobleme bekommen, Verspannungen und tägliche Kopfschmerzen. Diese Symptome habe ich zeitweise mit Aspirin bekämpft oder abends zum Alkohol gegriffen, gesteht eine Nutzerin der HSO-Site. Für Farke ist dieser Fall typisch: 100 Prozent der Onlinesüchtigen bringen auch ein anderes Suchtverhalten mit (Ess-Störungen, Rauchen, Alkoholsucht, Spielsucht).

Trotz der zum Teil dramatischen Einzel-Schicksale, glaubt der Nürnberger Psychologe Bernad Batinic nicht, dass es Hinweise auf ein Massenphänomen Internetsucht gibt. Für bedenklich hält aber auch er, "wenn Menschen zwar eine Selbstschädigung durch exzessiven Internetkonsum erleben, jedoch nicht in der Lage sind, ihn einzuschränken". Das betreffe aber nur einen sehr kleinen Bruchteil der Netzgemeinde.

Hintergrund: Wenn Surfen zur Sucht wird

Hamburg/Berlin (dpa/ddp) Hunderttausende Deutsche können kaum noch ohne die Gesprächsrunden im Internet auskommen. "Wir rechnen derzeit mit rund 300 000 Chat-Süchtigen", schätzt der Psychologe Andre Hahn von der Berliner Humboldt-Universität. Je einsamer jemand sei, desto gefährdeter. Hahn warnte davor, das Problem zu ignorieren: "Eltern sollten klare Grenzen setzen und die Online-Zeit ihrer Kinder beschränken. Lebenspartner sollten sich maximal bemerkbar machen und den Leidensdruck auf die Betroffenen erhöhen."

Laut GfK-Online-Monitor sind mittlerweile rund 18 Millionen Deutsche im Netz. Knapp fünf Millionen von ihnen unterhalten sich regelmäßig online mit Gesprächspartnern in aller Welt. Im Rahmen von Studien haben sich folgende diagnostische Kriterien herauskristallisiert, die dabei von suchtartigem Verhalten zeugen:

Häufiger, unwiderstehlicher Drang, sich ins Internet einzuloggen.

Kontrollverlust: länger als beabsichtigt online sein, einhergehend mit Schuldgefühlen. Schließlich schluckt das Internet die gesamte Freizeit.

Negative soziale Auffälligkeit im engsten Umkreis. Familie und Freunde fühlen sich vernachlässigt.

Arbeitsfähigkeit beziehungsweise Schulleistungen lassen nach.

Das Ausmaß der Online-Zeiten wird verheimlicht.

Psychische Entzugserscheinungen bei Verhinderung, online zu sein.

Mehrfache vergebliche Versuche, den Internetkonsum einzuschränken.

(Quelle: Der Psychiater Hans D. Zimmerl von der Universität Innsbruck führte 1998 eine Online-Studie durch. Im Internet unter http://gin.uibk.ac.at/gin/ freihtml/chat lang.htm. Der Psychologe Matthias Jerusalem forscht an der Humboldt-Universität Berlin zum Thema Intersucht, im Internet unter www.internetsucht.de)
 

Quelle: Schweriner Volkszeitung vom 2000-08-28 00:00:00
http://www.svz.de/newsdw/DWVermischtes/28.08.00/chat/chat.html

 
 
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