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Vier, fünf Stunden vergehen fast unbemerkt
 

Chaträume, interaktive Spiele und pornografische Webseiten können süchtig machen / Wenig Hilfsangebote 

Chaträume, interaktive Spiele und pornografische Webseiten können süchtig machen / Wenig Hilfsangebote

Von Jutta Heess

Morgens nach dem Aufwachen müssen die meisten Menschen aufs Klo. Oft dringend. Bei Bernd K. war das lange Zeit anders: Das erste Ziel des Tages war der Computer. "Keine Toilette, kein Zähneputzen, kein Rasieren, kein Frühstück, ich wollte so schnell wie möglich online sein", berichtet der 47-Jährige. Und vier, fünf Stunden vergingen, ohne dass er es bemerkte. Bis irgendwann doch die Blase drückte. Bernd K. war online-süchtig. Es gab keinen Tag, an dem er nicht stundenlang vor dem PC saß und sich im Cyberspace verlor. Die virtuelle Welt wurde für den Online-Junkie wichtiger als die Realität - wie Drogenabhängige an der Nadel hing er an seinem Internet-Anschluss.

Bernd K. ist kein Einzelfall: Nach einer Studie der Berliner Humboldt-Universität sind von knapp 20 Millionen deutschen Usern etwa 650 000 Internet-süchtig. Sie halten sich länger als fünf Stunden pro Tag im Netz auf. Die Zeit alleine ist nicht der ausschlaggebende Indikator. "Wenn die Online-Beschäftigung einen wesentlichen Platz im Leben des Betroffenen eingenommen hat, wenn für ihn nur noch Erlebnisse im Internet zählen und andere Interessen verloren gehen, dann kann man von Online-Sucht sprechen", erklärt Martin Zobel, Psychologe aus Koblenz.

Bei ihm hat Bernd K. eine Therapie gemacht. Nun, nach mehr als einem Jahr, ist er clean - das heißt, er kann wieder normal mit dem Internet umgehen: E-Mails schreiben, im Netz recherchieren, aber alles in Maßen. Dazwischen lag eine schwere Zeit der Abstinenz, in der der Patient unter Entzugserscheinungen litt: nervöse Unruhe, das starke Gefühl, im Offline-Zustand etwas zu verpassen. Eine Art digitaler Cold Turkey. In dieser Phase gab es Rückfälle. "Dann habe ich wieder exzessiv gechattet und mir pornografische Seiten angeguckt", sagt Bernd K. Typische Tätigkeiten für Internet-Süchtige. Andere wiederum surfen, schreiben E-Mails und verlieren dabei das Gefühl für die Zeit. Viele Jugendliche kommen von interaktiven Spielen nicht los oder laden stundenlang Musik herunter.

Die Abhängigkeit hat Folgen: Der Arbeitsplatz gerät in Gefahr, da die Betroffenen dauernd online sind und ihre Aufgaben vernachlässigen. "Ich bin Freiberufler und habe mich weder um bestehende noch um neue Aufträge gekümmert", erinnert sich Bernd K. Bei Kindern und Jugendlichen verschlechtern sich die schulischen Leistungen. Beziehungen gehen in die Brüche, und Freunde wenden sich ab - Onlinesüchtige haben ja eh nichts anderes mehr im Kopf als den Cyberspace. Und je einsamer die Betroffenen werden, desto bewusster flüchten sie ins Netz. Ein Teufelskreis, aus dem sie aus eigener Kraft nur schwer herauskommen. "Die Abhängigen sind meistens die letzten, die ihre Sucht erkennen", sagt Martin Zobel. "In der Regel reagieren Angehörige, denn sie haben den eigentlichen Leidensdruck." Da ist beispielsweise die Frau, die Hilfe sucht, da sie es nicht mehr erträgt, dass ihr Freund abends ständig vor dem Computer sitzt. Oder die Eltern, deren Kind das Schwimmtraining ausfallen lässt und sich lieber in Chaträumen herumtreibt.

Bei männlichen Jugendlichen ist die Zahl der Internet-Abhängigen besonders alarmierend: Es sind sieben Prozent der unter 20-jährigen User in Deutschland, Tendenz steigend. "Aber es gibt auch genug Erwachsene, die zu viel Zeit im Web verbringen", berichtet Zobel. Den typischen Online-Süchtigen gäbe es nicht. Die gängige Auffassung, der Internet-Abhängige sei scheu, introvertiert und kontaktgestört, treffe nicht zu. "Natürlich sind sozial Ängstliche und Einsame stärker gefährdet", erklärt er. "Das anonyme Medium Internet ist hervorragend geeignet, um so etwas wie eine Beziehung aufzubauen. Und gleichzeitig diese Beziehung unter Kontrolle zu halten, weil derjenige jederzeit ein- oder aussteigen kann." Auch für aufgeschlossene und kontaktfreudige Menschen hat das Internet seinen Reiz - gerade weil sie dort einfach Bekanntschaften knüpfen können. Bernd K. hatte über 50 virtuelle Freunde aus den Chats - seine Beziehung aber ist zerbrochen.

Martin Zobel betreut derzeit fünf Menschen, die sich im ständigen und zwanghaften Netz-Rausch befinden. Die sich mittlerweile wieder nach Normalität sehnen. Und die glücklicherweise einen Therapeuten gefunden haben, der sie auf ihrem Weg aus der Sucht unterstützt. Was nicht selbstverständlich ist. Denn Online-Sucht ist in Deutschland nicht als Krankheit anerkannt. Und viele Ärzte und Psychotherapeuten sind ungenügend mit dem Phänomen vertraut.

Ganz zu schweigen von den Krankenkassen, die eine nötige Behandlung nur selten bezahlen. Oft müssen die Therapeuten einen Umweg gehen und Begleiterscheinungen der Internet-Abhängigkeit wie Nervosität oder Depressionen abrechnen. "Es gibt noch keine offizielle Diagnose", erklärt Zobel. "Online-Sucht ist eine stoffungebundene Sucht, ähnlich wie die Arbeits-, Spiel- oder Sexsucht."

Der Krankheitsbegriff beziehe sich in der Regel nur auf stoffgebundene Süchte wie Alkohol-, Drogen- oder Medikamentenabhängigkeit. Stoffungebundene Süchte führten dagegen in unserem Gesundheitssystem ein Schattendasein. Und: "Die wenigsten Suchtberatungsstellen in Deutschland sind auf dieses Thema vorbereitet."

Diese Erfahrung kennt auch Gabriele Farke. Sie war Internet-abhängig, hat Hilfe gesucht - und keine gefunden. Daraufhin rief sie 1999 gemeinsam mit Andreas Mandewirth den Verein Hilfe zur Selbsthilfe für Online-Süchtige, kurz HSO, ins Leben. "Wir haben uns bemüht, Ansprechpartner zu finden, Therapeuten und Ärzte zu motivieren und zu sensibilisieren", erklärt Gabriele Farke. Ihre Homepage www.onlinesucht.de wurde zur einzigen überregionalen Anlaufstelle, wo sich Betroffene informieren und austauschen konnten. Die Resonanz war überwältigend - Tausende von Anfragen per Mail und Telefon nahmen die Initiatoren des Netzwerks monatlich entgegen.

Auch Bernd K. hat über den HSO den Kontakt zu Martin Zobel gefunden. Jetzt wurde der Verein wegen finanzieller Probleme aufgelöst. "Unser ganzes Engagement war ehrenamtlich, irgendwann ging es nicht mehr", sagt Farke. Alle Bemühungen um Fördermittel scheiterten, selbst beim Gesundheitsministerium und beim Bundeskanzleramt. "Keiner fühlte sich zuständig." Das Medium Internet hat eine starke Lobby: "Da wird jemand, der die Abhängigkeit anspricht, nicht gerne gehört." Auch bei vielen Internet-Anbietern biss der Verein auf Granit.

Obwohl der HSO seine aktive Arbeit eingestellt hat, wird die Website weiter aktualisiert. Dort finden Online-Süchtige nach wie vor Adressen von Therapeuten, an die sie sich wenden können. Eine bundesweite Hilfsorganisation fehlt nun. Gabriele Farke und Martin Zobel hoffen, dass sich die Betreuung der Internet-Abhängigen künftig verbessert und dass das Problem ernster genommen wird. "Ohne die Therapie und ohne die Unterstützung guter Freunde wäre ich nie davon losgekommen", sagt Bernd K. Er hat es geschafft. Und gehorcht der Dialog-Box aufs Wort: "Sie können den Computer jetzt abschalten."

Verein Hilfe zur Selbsthilfe für Online-Süchtige: www.onlinesucht.de; Studie Humboldt-Universität Berlin: www.internetsucht.de; Ambulanz für Abhängige: www. psychiater.org/Internetsucht/ambulanz.htm; Beratung per Chat: www.telefonseelsorge.de
 

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 2001-06-21 00:00:00
http://www.fr-aktuell.de/fr/200/t200004.htm

 
 
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