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Eröffnung der Ausstellung »PSYCHOanalyse Sigmund Freud zum 150. Geburtstag«
 

Ausstellung in drei Akten 

Eröffnung der Ausstellung »PSYCHOanalyse Sigmund Freud zum 150. Geburtstag«

150 Jahre nach der Geburt Sigmund Freuds herrscht an kontroversen Meinungen über seine Erfindung kein Mangel. Ist die Psychoanalyse überholt von den
Kenntnissen der Neurophysiologie? Ist oder war sie überhaupt je eine
Wissenschaft? Ist sie noch aktuell angesichts einer gesellschaftlichen
Entwicklung, in der das zu Freuds Zeiten verbreitete Familienmodell von
Vater-Mutter-Kind mit klaren Rollenverteilungen keineswegs mehr
selbstverständlich ist?

Auch die in der Populärkultur kursierenden Vorstellungen zeichnen ein
eigentümliches Bild: Es geht um Sex, Perversionen und tragikomische Figuren.
Leute, die sich auf die Couch legen, haben mindestens einen »Sprung in der
Schüssel«, die Analytiker vermutlich auch.
Vorurteile dieser Art haben die Psychoanalyse von Anfang an begleitet. Es
ist hingegen das Anliegen der Ausstellungsmacher den Ergründer der Seele und
Erfinder der Psychoanalyse im Jüdischen Museum Berlin zu ehren. Dies
geschieht in drei Ausstellungsteilen auf unterschiedliche Weise: Sie richten
den Blick auf die Lebensgeschichte von Sigmund Freud, die Grundbegriffe
seiner Lehre und die alltägliche Praxis und stellen die Frage nach der
Bedeutung von Psychoanalyse heute.

Ausstellung in drei Akten: Die Riesentorte, das Labyrinth und die Couch
Zunächst empfängt den Besucher eine riesige Geburtstagstorte mit vier Metern
Durchmesser. Auf 24 Tortenstücken aus Zuckerguss werden die wichtigsten
Lebensstationen des als Sigismund Schlomo Freud Geborenen in Miniaturszenen
nachgebildet und mit Hörspielen nacherzählt: frühe Kindheitserinnerungen,
seine Forschungen in Triest und Paris, wichtige Werke wie
die »Traumdeutung«, seine jüdische Hochzeit, die Selbstanalyse, seine
Familie, Krankheit und der Aufbruch ins Exil. Noch als 82-Jähriger wurde er
aus Österreich vertrieben. Die Massenvernichtung, der auch vier seiner
Schwestern und weitere Familienmitglieder zum Opfer fielen, erlebte er nicht
mehr. Er starb im September 1939 in London.
Die 24 biografischen Szenen machen deutlich, dass sein Leben und seine
wissenschaftliche Karriere zwar entlang den vorgezeichneten Bahnen einer
bürgerlich-emanzipierten Existenz verliefen, gleichzeitig diese aber immer
wieder konterkarierten. Als Jude hatte er sich Zeit seines Lebens mit
antisemitischen Anfeindungen auseinander zu setzen. Immer wieder musste er
befürchten, dass man der Psychoanalyse als angeblich »jüdischer
Wissenschaft« die Anerkennung verweigern würde. Seine jüdische Herkunft
hatte ihn auch darauf »vorbereitet, in die Opposition zu gehen und auf das
Einvernehmen mit der ‚kompakten Majorität’ zu verzichten«, wie er es selbst
beschrieb.

So gewappnet tauchen die Besucher in ein Labyrinth der psychoanalytischen
Grundbegriffe ein. Ausgehend von Freuds berühmtesten Fallgeschichten - Anna
O., Dora, der kleine Hans, der Rattenmann, Schreber und der Wolfsmann - gibt
es Einblicke in die Welt von Zwangsneurose, Hysterie, Psychose,
Kastrationskomplex und Über-Ich. Die Ausstellung verknüpft dabei Begriffe
und Fallgeschichten und schöpft aus der Welt der Gegenstände, die die
Patienten in ihren Assoziationen benannten: ein Brief, eine Giraffe, ein
Blumenstrauß, Perlenohrringe, ein brennendes Haus, eine Zigarre, eine
Badewanne, ein Schmuckkästchen, ein Bett oder auch ein kryptischer
Satz: »Ich habe nichts an meiner Frau«. Erst vor dem Hintergrund der
jeweiligen Krankengeschichte gewinnen diese alltäglichen Gegenstände ihre
Bedeutung.

Historisch betrachtet war es eine Mischung aus Absicht, Zufällen und
Sachzwängen, die Freud zwischen den Jahren 1886 und 1912 zu der bis heute
gültigen psychoanalytischen Experimentalanordnung geführt hat: ein
abgeschlossener Raum, der Patient auf der Couch und der Analytiker im
Sessel, ungesehen, hinter ihm. Diesem Setting aus zwei Möbeln und zwei
Menschen widmet sich der dritte Teil der Ausstellung. Die asketische
Behandlungssituation inspiriert die Fantasien, Geschichten und Vorurteile um
den Raum zwischen Analytiker und Patient. Der damit verbundenen, meist 50
Minuten andauernden Balance von Sprechen und Schweigen, Liebe und Hass,
Aggression und Trauer widmen sich Ausschnitte aus Dutzenden von Spielfilmen,
von Alfred Hitchcock bis Woody Allen, die auch zeigen, wie sehr
psychoanalytische Denkfiguren inzwischen unseren Alltag begleiten. In diese
können sich die Besucher bequem von einer Zickzackcouch aus vertiefen.
Um auch den realen Raum rund um die Couchen nicht unvermessen zu lassen,
wurden in Berlin praktizierende Psychoanalytiker gebeten, ihre Arbeitsmöbel
abzulichten. Die rund 140 eingesandten Fotografien zeigen die Couchen und
das, was der auf ihr liegende Patient sieht: leere Wände, ein Stück Decke,
Stuckgirlanden, Bilder und anderen Wandschmuck, manchmal Bücher, häufig
Gummibäume und Fici benjamini oder einen Fensterausschnitt - nur eben nicht
den Analytiker. Ganz nebenbei ergibt diese Fotoaktion auch eine Topografie
der Psychoanalyse in Berlin, deren Dichte von Zehlendorf und Charlottenburg
ausgehend über Schöneberg, Kreuzberg, Wedding bis nach Mitte, Prenzlauer
Berg stetig abnimmt und in Marzahn gegen Null tendiert.
Ob Zehlendorf oder Marzahn - der Ort des Analytikers bleibt die große
Leerstelle der Analyse. Am Ende der Ausstellung gehört ihm die
außergewöhnliche Raumsituation des Void im Libeskind-Bau des Museums.

Die Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit Hürlimann + Lepp Ausstellungen
entstanden ist und von dem Schweizer Büro gillmann/schnegg gestaltet wurde,
ist bis zum 27. August im Jüdischen Museum Berlin zu sehen.

Wo: Jüdisches Museum Berlin, Libeskind-Bau, EG

Wann: 7. April bis 27. August 2006

Eintritt: € 4/erm. € 2.

Kombiticket »PSYCHOanalyse« und Dauerausstellung: € 7/ erm. € 3,50

Pressefotos zur Sonderausstellung finden Sie zum Herunterladen unter
>www.jmberlin.de > Presse > Downloads > Fotos PSYCHOanalyse

Zur Ausstellung erscheint im Nicolai Verlag die
Begleitpublikation »PSYCHOanalyse. Sigmund Freud zum 150. Geburtstag«,
herausgegeben von Cilly Kugelmann, Nicola Lepp und Daniel Tyradellis. Sie
umfasst 168 Seiten mit über 100 farbigen Abbildungen und einem Hörspiel auf
CD und ist zum Preis von € 24,90 (Presserabatt: € 7) im Shop des Jüdischen
Museums Berlin erhältlich oder per Bestellung an:


Jüdisches Museum Berlin, Frau Lehmann, Lindenstr. 9-14 10969 Berlin, Tel. (030) 25993- 410 // Fax (030) 25993- 409, E-Mail: info@jmberlin.de
Internet: www.jmberlin.de


 

Quelle: Jüdisches Museum Berlin vom 2006-03-23 09:18:34
Melanie von Plocki, Jüdisches Museum Berlin

 
 
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